Samstag, 26. November 2022

Zeitungsleser am Markt

Beim Schaukasten der Badischen Neuesten Nachrichten, November 2022

 

Freitag, 25. November 2022

Samstag, 19. November 2022

Karstadt Erdgeschoss

Durchs Schaufenster durch gesketcht, November 2022

 

Claus Karlsruhe

Eismanufaktur und Bistro, November 2022

 

Von Mäusen und Menschen

Unitheater Kalrsruhe spielt John Steinbeck, November 2022

 

Nicht zu kräftig streicheln

Unitheater Karlsruhe spielt „Von Mäusen und Menschen“ von John Steinbeck

In kariertem Holzfällerhemd und dicken Stiefeln haben die beiden Wanderarbeiter Lennie und George ihren Auftritt. Via Lautsprecher plätschert Wasser. Die beiden halten Rast an einem Bach, bevor sie zur nächsten Farm ziehen. Dort wollen sie ein paar Kröten machen, um sich damit später ihren eigenen Hof zu kaufen. In John Steinbecks 1937 erschienenem Roman „Von Mäusen und Menschen“ und seiner gleichnamigen Bühnenfassung geht es um den American Dream, das große Glück, das vermeintlich jeder machen kann, wenn er nur „kräftig“ dafür arbeitet. Dass diese Rechnung nicht aufgeht, davon legt Steinbecks literarisches Werk eindrucksvoll Zeugnis ab. Und nicht weniger beeindruckend ist, wie sich die jungen Leute des Unitheater Karlsruhe e.V. diesem Klassiker der Moderne angenommen haben. Am Sonntag war Premiere im mit rund 40 Zuschauern halbwegs gut besuchten Saal des Studentenwerks auf dem KIT-Campus Süd. Eine Gemeinschaftsproduktion, in der niemand einzelnes, sondern das Team glänzt. Alle Mitwirkenden werden lediglich mit Vornamen genannt. Man spürt, dass diese Truppe von Studierenden, die sich in der Freizeit jenseits ihrer Semesterwochenstunden immer montags um halb acht zum Proben treffen, gut miteinander kann und zusammen hält.

Die beiden Wanderarbeiter sind ein ungleiches Paar. Lennie – gespielt vom groß gewachsenen Michael mit dem kahlen Schädel und den schönen, treuherzigen Augen – ist geistig zurückgeblieben. „Gott, bist du ein blöder Trottel“, sagt George unverhohlen. Ardon Lee gibt die Rolle des George mit energischer Klugheit, die er aber im Laufe des Stücks einfühlsam zu wandeln weiß. Ihn rührt, dass dieser bärenstarke Lennie noch nie die Hand gegen ihn erhoben hat. Lennie ist George treu ergeben. George wiederum braucht ihn für sein großes Ziel der eigenen Farm. Lennie aber hat ganze andere Träume. „Ich mag alles, was weich ist“, sagt Lennie an einer Stelle: „Ich streichel gerne.“ Deshalb führt er eine Maus in der Hosentasche mit sich. Sie ist tot. Lennie hat sie „zu kräftig“ gestreichelt. Die schönrednerische Umschreibung meint die rohe Gewalt, die dem Liebkosenden entfährt, wenn den Gestreichelten das Streicheln zu viel wird und sie sich wehren. Die tote Maus ist in der Inszenierung übrigens ein graues Strickstofftier, was dem Ganzen anfangs noch knuffige Harmlosigkeit verleiht. Später im Stück ändert sich das. Es fließt Theaterblut, es wird geschossen und Lennie tötet einen Menschen.

Das Unitheater hält sich wunderbar geordnet an die lineare Szenenfolge. Auf der Farm, für die die beiden schließlich arbeiten, begegnen sie dem von Steinbeck breit angelegten Personal. Jeder von ihnen trägt seinen persönlichen American Dream bei sich. Da ist der „Chef“, in Jeanskluft und schicken Cowboystiefeln gespielt von Konstantin. Er will Profit. Da ist der von Jonathan interpretierte Curley, der aufbrausende Sohn des Chefs, der bei allem mithalten will, aber nur mit seinen Fäusten zu argumentieren weiß. Seine Frau, gespielt von Jule, will nur weg von ihm. Und neben weiteren Rollen gibt es auch – mit Verve gespielt von Ronja – den Arbeiter Carlson. Er will, dass auf der Farm alles glatt läuft und gegebenenfalls muss man dafür einen alten, stinkenden Hund erschießen. Als Bühnenbild dienen dem Ensemble Stellwände, die von hinten mit warmem Weiß beleuchtet sind, so dass sich eindrückliche Schattenspiele abzeichnen. Dort sieht man etwa, wie Lennie seine Maus küsst, wie Curley seine Boxübungen macht oder wie Carlson mit dem Revolver zielt. Im Stück kommt auch die Rolle des schwarzen Crooks vor, die jedoch bei dieser Produktion unbesetzt blieb. Es habe sich kein geeigneter schwarzer Darsteller gefunden, sagte Regisseur Eike Anton Schneider vor Publikum. Er gab die entsprechende Romanpassage dann als Kurzlesung zum Besten. Auf diese Weise kam der abgründige Rassismus, von dem alle übrigen Personen in Steinbecks Stück durchtränkt sind, trotz unbesetzter Rolle doch noch auf die Bühne. Hier darf das Unitheater, das seit nunmehr 30 Jahren besteht, zukünftig gerne mutiger sein. Den schwarzen Crooks kann auch jemand spielen, der nicht schwarz ist. So viel Fantasie jenseits der Hautfarben sollten wir uns gut und gern alle zutrauen.