Dienstag, 4. Juni 2024

Bronzeskulptur am KIT

"Der Denkende" von Karl-Heinz Krause, Juni 2024

Studieren und Depression haben liegen eng beieinander. Wer's nicht glaubt: Faust von Goethe lesen, vor allem die Szene im Studierzimmer. Da klagt der gelehrte Faust, dass er so viel gelernt hat, dadurch aber nicht glücklich geworden ist. Mehr noch: Er ist schwermütig, hängt einer geradezu kulturell seit Albrecht Dürers Meisterstich traditionsreichen Melanchoie hinterher, die er dann mit Mephistopheles Hilfe - was das Stück ja spannend macht - umzuwandeln versucht in Event, Erlebnis und Ereignis. Gepaart mit toxischer Männlichkeit lässt Faust seine gewonnene Energie unter anderem an der unschuldigen Margarete, die er schwängert, - - - aus. (Ich liebe Fermaten vor der rechten Satzklammer) 

Auf dem KIT-Campus steht eine Bronzeskulptur des deutschen Bildhauers Karl-Heinz Krause aus dem Jahr 1967. Sie heißt "Der Denkende". Ich habe sie 2015, als Karlsruhe den großen Stadtgeburtstag feierte, schon einmal gezeichnet. Die deprimierte Körperhaltung, die die Skulptur zeigt, hat mir gut gefallen. Das biss sich damals ganz gehörig mit dem Public-Relation-Rummel rund um den Stadtgeburtstag. Die Action dazu fand wenige Meter von der Skulptur entfernt am Schloss und im Karlsruher Schlossgarten statt. Da wirkte so ein krummer, abgedünnter Bronzemann auf mich wie ein aus der Zeit gefallener Kontrapunkt. Heute - mein Gott! - neun Jahre später habe ich die Skulptur nocheinmal gesketcht. Und es waren mehr Gedanken, die mir dabei durch den Kopf huschten, als Striche übers Papier des Skizzenbuchs - - - (Fermate, rechte Satzklammer leer).

Ich will (später, bei Gelegenheit) versuchen, die Gedanken zu sortieren und zu formulieren. Doch zuvor nur noch der Hinweis, dass mich Krauses Skulptur nicht so gerührt hätte, wenn sie "Der Depressive", "Der Trauernde" oder ähnlich hieße. Die Titel wären vielleicht durchaus auch treffend. Aber "Der Denkende" spannt den Bogen weiter, unter anderem zu Goethes Faust und zur Gewissheit, dass Studieren und Depression haben eng beieinander liegen.  

Donnerstag, 16. Mai 2024

Sonntag, 12. Mai 2024

Dienstag, 23. April 2024

Im Exotenhaus

Zoologischer Stadtgarten Karlsruhe, April 2024

 

Zoologischer Stadtgarten Schimpansen

Im Affenhaus bei Benny und den anderen, April 2024

Wegen Regen ging ich ins Affenhaus und versuchte, die Schimpansen zu zeichnen. Sie bewegen sich doch sehr schnell und ich habe die Form nicht richtig erfasst. Egal, jede Linie zählt! Benny ist wohl Jahrgang 1967 und stammt von der Elfenbeinküste. 1970 kam das Tier, das man in der Wildnis gefangen hatte, in den Zoo. Die beiden anderen Tiere heißen Dschingo und Emma. 

Zoologischer Stadtgarten Eisbären

Aprilwetter mit verschmierten Regentropfen im Zoo, April 2024

Oben links im Bild ein Elternpaar, das sich ums Kind im Kinderwagen kümmert. Es tröpfelte. Auch mir aufs Papier. Der Bleistift zog unschöne Schlieren, als ich das Blatt ungeschickt auf meinen Schenkeln ablegte. Wobei: Cooler Effekt! Die gesketchte Eisbärdame sieht dadurch dynamischer aus. Unten rechts im Bild der Emu, den man vom Plateau oberhalb des Eisbärengeheges (wo die Picknickbänke stehen) auf die Entfernung im Nachbargehege gut beobachten kann. Ganz rechts eine schwarze Krähe.

Dienstag, 9. April 2024

Rafik Schami im Tollhaus

Vorstellung im Tollhaus Kulturzentrum am 8.4.2024

Mündliche Erzählkunst vom Feinsten

Schriftsteller Rafik Schami begeisterte im Tollhaus Karlsruhe seinen aktuellen Roman vor

Glücklich bedankt sich Rafik Schami gleich zu Beginn beim Publikum. So Viele sind gekommen. Während draußen an diesem Montagabend laues Frühlingswetter schmeichelt, wollen diese rund 600 Leute lieber im Kulturzentrum Tollhaus drinnen bei ihm sein. „Wenn du erzählst, erblüht die Wüste“ heißt sein neuer Roman, den der 77-jährige renommierte syrisch-deutsche Schriftsteller jedoch nicht als konventionelle Lesung präsentiert. Nein. Rafik Schami liest nicht. Er erzählt. Er spricht frei, ohne Skript, alles aus dem Gedächtnis. 

Und damit versteht er es, den ganzen Saal in einen spannenden Imaginationssog der orientalischen Storys seines Buches zu ziehen. Rafik Schami bringt seine Zuhörer ebenso zum Lachen wie zum gedanklichen Innehalten übers Gut und Böse im Menschen. Und auf meisterhafte Weise vermischt er Realität und Fiktion, was seiner mündlichen Erzählkunst eine Wucht an Authentizität gibt, die in der deutschspachigen Gegenwartsliteratur ihresgleichen sucht. 

Wirklich wahr ist, dass Schami, der aus Damaskus stammt und seit 1971 in Deutschland lebt, einen wohlhabenden Vater hatte, der sich aus Leidenschaft für Bücher einst eine stattliche Bibliothek einrichtete. Wahr ist wohl auch, dass die Sammlung 2014 im Krieg nach einem Raketeneinschlag verbrannte und dass Rafik Schami sich in gemeinsamer Arbeit mit seiner in Syrien lebenden Schwester um den Nachlass von sechs Büchern kümmert, die die Katastrophe überstanden. Ein Buch davon sei aus dem 18. Jahrhundert, als sich in Arabien nach 400 Jahren Regentschaft der Osmanen kleine lokale Herrscher zu etablieren wussten, um nach ihren Ideen zu regieren, mitunter entgegen mancher engherzigen Sippentradition. König Salih, von dem das Buch unter anderem handelt, sei so einer gewesen. Er habe seine Tochter, um ihr Erziehung und bessere Bildung jenseits des Palastes zu ermöglichen, als verkleidetes Mädchen durch die Lande ziehen lassen… 

Spätestens an diesem Punkt steckt man in Rafik Schamis Fiktion. Weil die Königinmutter bei einem Attentat stirbt, verfällt die Tochter in schwere Depression und wird erst gerettet, nachdem ein junger Mann wochenlang versucht, unterhaltsame Geschichten zu erzählen. Daher der Buchtitel des Romans. Er ist eine Hommage an die Märchen von Tausendundeiner Nacht, aber auch an Miguel de Cervantes, der nicht unähnlich behauptete, die Storys von Don Quijote auf einem orientalischen Bazar aufgegabelt zu haben. Bei seinem mündlichen Vortrag verzichtete Rafik Schami nicht auf Gegenwartsbezüge. Dazu gehörte auch der Appell: „Kauft beim lokalen Buchhandel, bestellt Bücher nicht im Internet. Die Buchläden dürfen nicht sterben.“ Es waren die Buchläden im deutschsprachigen Europa, wo Rafik Schami in jungen Jahren Lesungen geben konnte. So wurde er, obwohl ihn Presse und Literaturkritik mied, dennoch einem größeren Publikum vertraut. Heute füllt er große Säle. Das war nicht immer so.