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Theke mit Barkeeper und Theatergast, März 2025 |
Eindringliche Mahnung
Szenische Lesung nach Correktiv-Recherchen „Geheimplan für Deutschland“ im Jakobus-Theater
Die Bühne ist noch leer. Ein Monitor im Hintergrund zeigt Fotos vom KZ Auschwitz und eine Stimme aus dem Lautsprecher erklärt das Wort „Selektion“, das System im NS-Terror, das Menschen in Leben und Tod einteilte. Unmissverständlich macht die szenische Lesung „Geheimplan für Deutschland“ seinem Publikum schon am Anfang klar, um welch grausame Dimension es sich bei allem Folgenden dreht. Am Samstag hatte das Stück im Jakobus-Theater – Karlsruhes größter Bühne für Amateur-Schauspiel – Premiere. Die sieben Darsteller treten auf, setzen sich. Jeder hat eine schwarze Mappe mit Textskript in der Hand. Die Lesung beginnt: „Am 25. November 2023 ist es wieder soweit.“ Mit diesem Satz wird das Publikum in die Recherche des gemeinwohlorientierten Medienunternehmens Correctiv hineingezogen. An diesem Tag trafen sich in einem Potsdamer Hotel AfD-Politiker, Neonazis und finanzstarke Unternehmer. Ihr Plan: die Vertreibung von Millionen Menschen. Das Geheimtreffen flog jedoch auf, weil ein Correctiv-Reporter undercover recherchierte. Nach der Enthüllung im Januar 2024 war das Entsetzen groß und es gab bundesweite Demos für Demokratie und gegen Rechtsextremismus.
Das Berliner Ensemble hatte die Recherche als szenische Lesung auf die Bühne gebracht. Nun folgt das Jakobus-Theater. Unter künstlerische Leitung von Freddi Schmieder wurden Originaltexte übernommen und mit eigenen Ideen ergänzt. So wird etwa nachgespielt, wie Gastgeber Gernot Mörig seine Begrüßungsrede hält oder wie Rechtsextremist Martin Sellner taktisch argumentiert, dass das Wort „Remigration“ systematisch als schönrednerisches Synonym für Umsiedlung, Deportation und Vertreibung etabliert werden soll. Die Lesung legt offen, mit welch strategischer Kälte in AfD-Kreisen diskutiert wird. Wie können mit konkreten Gesetzen, also mit den Mitteln des Rechtsstaats, Menschen mit Migrationshintergrund des Landes verwiesen werden? Bei einer etwaigen späteren Abschaffung der doppelten Staatsbürgerschaft könnte die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen werden, wobei zuvor aber möglichst viele Menschen Anreize bekommen müssten, die doppelte Staatsbürgerschaft auch anzunehmen.
Die Jakobus-Inszenierung erweist sich als gute Balance von Infos und Emotion. Besonders eindringlich ist dabei der schöne Beitrag von Chiara Drobek, die nach der bedrückenden Flut an Fakten den Song „Everybody Knows“ singt. Vor allem im letzten Drittel wagt das Jakobus-Theater eigene Akzente und bezieht die Ereignisse – über ein Jahr danach – aufs Hier und Jetzt. Etwas unglücklich geraten ist dabei das pauschale Schimpfen mit dem Wort „Nazi“. Das scheltende Fluchen ist zwar emotional verständlich, wirkt gesellschaftlich aber spaltend und ist historisch alles andere als „korrekt“. Und damit untergräbt es letzten Endes auch das ursprüngliche „Correktiv“-Anliegen, möglichst objektiv und sachverhaltsorientiert zu berichten.
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