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| Übergang zur Breite Straße in Beiertheim, Oktober 2026 |
Am südlichen Ende der Karlstraße, in Beiertheim, geht es
beschaulich zu. Alles fängt hier mit einem Zebrastreifen an. Hier, beim Café
Saloon, beginnt die sehr lange und sehr gerade Karlstraße Richtung Norden. Oder
sie endet hier, je nachdem, von wo man kommt. Am Übergang zur Breiten Straße
bei der Querung der Marie-Alexandra-Straße ist Anfang der Karlstraße. Oder
Schluss. Je nach Blickwinkel. Wenn man hier nach Norden schaut, liegt hinter einem
im Süden das alte Beiertheim, wo sogar noch ein altes Fachwerkhaus steht, ein
zweites daneben, das allerdings verputzt ist, so dass man das Fachwerk nicht
mehr sehen kann. Beim Blick nach Norden zieht sich die Karlstraße bis weit in
die Ferne. Hinten im Dunst steht eine Straßenbahn, man sieht ganz klein Leute.
Ich setze mich mit meinem Campinghocker auf die Sperrfläche,
wo daneben Glascontainer und Fahrradständer stehen. Sperrfläche heißt in der
Straßenverkehrsordnung nach § 41 die schräg gestreifte Fahrbahnmarkierung, auf
die die Autos nicht fahren dürfen. Da kannst Du Dir denken, dass Urban
Sketchers große Freunde von Sperrflächen sind. Weil die Autos in der Stadt so
oft Dir die Sicht verdecken, und du als Urban Sketcher nicht sehen und zeichnen
kannst, wie du es gerne willst. Weil die Autos alle freien Meterabschnitte der
Straßen zuparken und du als Urban Sketcher vor lauter parkenden PKWs fast nur
parkende PKWs zeichnen kannst, und das noch nicht einmal besonders gut
detailliert, weil wenn du angefangen hast, so einen parkenden PKW zu zeichnen,
kannst du darauf wetten, dass kaum, wenn du Motorhaube oder Kotflügel
zeichnerisch angelegt hast, der PKW-Mann oder die PFK-Frau kommt und den Wagen
ausparkt und wegfährt. So geht das! Wenn Du jetzt glaubst, dass ich übertreibe,
dann überprüfe dieses rhetorische Stilmittel des hyperbolischen Erzählens gerne
und frage gern und gerner einmal andere Urban Sketchers. Sie werden es Dir
bestätigen, dass das immer so ist. Immer. Ausnahmslos. Gut an der Sperrfläche
ist, dass dich kein Auto weghupen und verdrängen kann, wenn du draufsitzt auf
der Sperrfläche und zeichnest. Das nämlich kann passieren, wenn du an so mehr
oder weniger undefinierten Flächen des öffentlichen Raumes dich zum Urban
Sketching installierst. Das kann neben Eingängen zu Ladengeschäften sein, am
Straßenrand, wo ein Stückchen Wiese oder Schotterfeld ist oder auch auf
Gehsteigen. Da kann es sein, dass du verdrängt wirst, oder zumindest dass so
ein Auto sich ganz dicht, ganz langsam zum Abparken dahinschiebt, wo du gerade
fürs Sketchen installiert bist. So geht das. Es kann vorkommen, dass die Autos
sich vor deiner Nase parkend hinstellen, oft nachdem du angefangen hast zu
skizzieren oder sogar eine Weile dabei bist und erst dann, nachdem das Auto vor
deiner Nase steht, erkennst du, dass das vor deiner Nase – huch – so eine
undefinierte Fläche des öffentlichen Raumes ist. Da ist es gut, dass so eine
Sperrfläche – wir erinnern uns, nach Straßenverkehrsordnung § 41 die schräg
gestreifte Fahrbahnmarkierung – dass also so eine Sperrfläche eine echt
unmissverständlich definierte Fläche des öffentlichen Raumes ist.
Jetzt ist es furchtbar unverhältnismäßig, dass ich so viel
Worte über die – von mir übrigens auch überhaupt nicht gezeichnete – Sperrfläche
verliere, zumal diese gar nicht zur Karlstraße gehört. Zur Karlstraße gehört
der Zebrastreifen. Der liegt da ganz ruhig da, führt über eine kleine
Fußgängerinsel und vermittelt, weil er für Verkehrsordnung und
Verkehrssicherheit sorgt, eine wunderbar beschauliche Beiertheimer
Karlstraßengelassenheit.
Links und rechts am Rand reihen sich parkende Autos, und
zwar, um jetzt mal eine abgedroschene Redewendung des hyperbolischen Erzählens
zu bemühen, soweit das Auge reicht.
So eine Übertreibung der bildhaften Veranschaulichung „soweit
das Auge reicht“ ist schnell dahin gesagt. Man nimmt so ein rhetorisches
Stilmittel wie die Übertreibung, um sich nicht die Mühe zu machen, die Anzahl
der Autos genau zu benennen, aber um klar zu machen, dass es viele sind. Man
hätte ansonsten ja auch die Autos vorher durchzählen müssen. Man hätte müssen. Man
hätte müssen, soweit das Auge reicht. Als beinharter, echter Journalist
müsstest Du das tun! Beinharte, echte Recherche! Stell Dir vor, Du schreibst
eine wunderbar beschauliche Reportage über die wunderbar beschauliche
Beiertheimer Karlstraßengelassenheit und Du schreibst so schnell dahin gesagt
von parkenden Autos in einer Reihe, soweit das Auge reicht. Das geht gar nicht –
oder, vielleicht doch? Sollte eine Redaktion einer Tageszeitung oder eines
Magazin so orientiert sein, dass sie Dir tatsächlich eine wunderbar
beschauliche Reportage über die wunderbar beschauliche Beiertheimer
Karlstraßengelassenheit abnähmen, dann würde sie wohl auch eine schnell dahin
gesagte Übertreibung „soweit das Auge reicht“ hinnehmen. Ich sage es jetzt mal
so: In den meisten alltäglichen Fällen ist es gut und erleichtert das ebenso
alltägliche Leben ungemein, dass man nicht immer und über alles beinharten,
echten Journalismus macht. Die Karlstraße wäre ansonsten voll von Menschen,
allesamt Journalisten, die parkende Autos abzählen würden.
Beim Zeichnen machst du ab dem vierten Auto Krikelkrakel. Da
hast Du in so einer parkenden Reihe das erste Auto, das Du in der Kontur mit
der gezeichneten Linie nicht voll realistisch, aber zumindest charakteristisch
umreißt. Dann, perspektivisch am Fluchtpunkt ausgerichtet, dahinter die immer
noch hoffentlich charakteristische Linie des zweiten Autos, wobei das dritte
Auto dahinter nur noch ganz vage zu hoffen lässt, als charakteristische
Autoumrisslinie erkannt zu werden. Und dann da dahinter, da kommt dann das
Krikelkrakel, soviel Charakter gibt es für Umrisslinien gar nicht mehr zu
hoffen. Dieses gezeichnete Krikelkrakel im Bild ist wie ein „und so weiter und so
fort“ im Text, oder eben wie diese bildhafte Veranschaulichung „soweit das Auge
reicht“.
Am südlichen Ende der Karlstraße machen die
Straßenbahnschienen einen Schlenker. Die Bahnen biegen hier ab, wenn sie
Feierabend oder Ruhepause haben. Gleich ums Eck sind die Abstellgleise beim Albtalbahnhof.
Hier am südlichen Ende zeigt sich die Karlstraße von
ihrer ruhigen Seite. Mag dieselbe Straße weiter nördlich am Europaplatz
manchmal lebendig wuselig sein. Hier ist sie es nicht. Alles fängt hier mit einem
Zebrastreifen an, dahinter parkende PKWs. Und rechts im Bild zu sehen, hat
jemand sein Lastenfahrrad abgestellt. Zu den parkenden PKWs ist das
Lastenfahrrad ein Kontrapunkt, ein Hoffnungsschimmer der Mobilitätswende. Der
Kontrapunkt wirkt in der Zeichnung wie bestellt und hin komponiert. Aber ich würde
beim Urban Sketching niemals irgendetwas dazu komponieren, was nicht wirklich vor
meiner Nase zu sehen ist. Wir zeichnen die Szenen, die wir erleben, wahrhaftig,
heißt es im Manifest der Urban Sketchers Bewegung und das Wahrhaftige, das hat
seinen tieferen Sinn, auch wenn das Wahrhaftige einen großen Spielraum hat, weil
ja jede und jeder die Wahrheit auf ihre und seine Weise wahrnimmt, sieht und
umsetzen kann. Entscheidend ist, dass man sein Gewissen befragt und ehrlich
bleiben kann, wenn man nach der Wahrhaftigkeit gefragt wird, die in der
Zeichnung steckt, die man gemacht hat. Und über die Wahrhaftigkeit lässt sich
viel sagen und überlegen, etwa ob sie die kleine oder die große Schwester der
Dokumentation ist, ob ihr mit weichem spitzen Bleistift eher beizukommen ist
als mit fettem Aquarellpinsel, ob mit viel oder wenig Zeit, und nicht nur
überlegen lässt es sich, sondern auch und so weiter und so fort und ich sag mal
so: Krikelkrakel.