Dienstag, 9. April 2024

Rafik Schami im Tollhaus

Vorstellung im Tollhaus Kulturzentrum am 8.4.2024

Mündliche Erzählkunst vom Feinsten

Schriftsteller Rafik Schami begeisterte im Tollhaus Karlsruhe seinen aktuellen Roman vor

Glücklich bedankt sich Rafik Schami gleich zu Beginn beim Publikum. So Viele sind gekommen. Während draußen an diesem Montagabend laues Frühlingswetter schmeichelt, wollen diese rund 600 Leute lieber im Kulturzentrum Tollhaus drinnen bei ihm sein. „Wenn du erzählst, erblüht die Wüste“ heißt sein neuer Roman, den der 77-jährige renommierte syrisch-deutsche Schriftsteller jedoch nicht als konventionelle Lesung präsentiert. Nein. Rafik Schami liest nicht. Er erzählt. Er spricht frei, ohne Skript, alles aus dem Gedächtnis. 

Und damit versteht er es, den ganzen Saal in einen spannenden Imaginationssog der orientalischen Storys seines Buches zu ziehen. Rafik Schami bringt seine Zuhörer ebenso zum Lachen wie zum gedanklichen Innehalten übers Gut und Böse im Menschen. Und auf meisterhafte Weise vermischt er Realität und Fiktion, was seiner mündlichen Erzählkunst eine Wucht an Authentizität gibt, die in der deutschspachigen Gegenwartsliteratur ihresgleichen sucht. 

Wirklich wahr ist, dass Schami, der aus Damaskus stammt und seit 1971 in Deutschland lebt, einen wohlhabenden Vater hatte, der sich aus Leidenschaft für Bücher einst eine stattliche Bibliothek einrichtete. Wahr ist wohl auch, dass die Sammlung 2014 im Krieg nach einem Raketeneinschlag verbrannte und dass Rafik Schami sich in gemeinsamer Arbeit mit seiner in Syrien lebenden Schwester um den Nachlass von sechs Büchern kümmert, die die Katastrophe überstanden. Ein Buch davon sei aus dem 18. Jahrhundert, als sich in Arabien nach 400 Jahren Regentschaft der Osmanen kleine lokale Herrscher zu etablieren wussten, um nach ihren Ideen zu regieren, mitunter entgegen mancher engherzigen Sippentradition. König Salih, von dem das Buch unter anderem handelt, sei so einer gewesen. Er habe seine Tochter, um ihr Erziehung und bessere Bildung jenseits des Palastes zu ermöglichen, als verkleidetes Mädchen durch die Lande ziehen lassen… 

Spätestens an diesem Punkt steckt man in Rafik Schamis Fiktion. Weil die Königinmutter bei einem Attentat stirbt, verfällt die Tochter in schwere Depression und wird erst gerettet, nachdem ein junger Mann wochenlang versucht, unterhaltsame Geschichten zu erzählen. Daher der Buchtitel des Romans. Er ist eine Hommage an die Märchen von Tausendundeiner Nacht, aber auch an Miguel de Cervantes, der nicht unähnlich behauptete, die Storys von Don Quijote auf einem orientalischen Bazar aufgegabelt zu haben. Bei seinem mündlichen Vortrag verzichtete Rafik Schami nicht auf Gegenwartsbezüge. Dazu gehörte auch der Appell: „Kauft beim lokalen Buchhandel, bestellt Bücher nicht im Internet. Die Buchläden dürfen nicht sterben.“ Es waren die Buchläden im deutschsprachigen Europa, wo Rafik Schami in jungen Jahren Lesungen geben konnte. So wurde er, obwohl ihn Presse und Literaturkritik mied, dennoch einem größeren Publikum vertraut. Heute füllt er große Säle. Das war nicht immer so.

Bruno Jonas: "Meine Rede"

Vorstellung Neureut Badnerlandhalle am 5.4.2024

Zeichen setzen kommt immer gut

Lustige Pointen und intelligente Satire lieferte am Freitagabend in der gut besuchten Badnerlandhalle in Karlsruhe-Neureut der renommierte Kabarettist Bruno Jonas. In seinem Programm „Meine Rede“ nimmt der 72-Jährige in gewohnter Weise die aktuelle politische Lage aufs Korn.

Mit dem Handy am Ohr kommt Bruno Jonas auf die Bühne und entschuldigt sich beim klatschend begrüßenden Publikum, dass er eben noch telefonieren müsse. Er sei in der Warteschleife hängen geblieben. Alle lachen. Alle ahnen, was kommt. Er sei froh, dass er „durchgekommen“ sei und müsse jetzt halt „a bisserl“ warten. Bruno Jonas spricht diesen drollig bayerischen Dialekt, schwärmt von der schönen Überbrückungsmusik, die er jetzt ganz gut kenne, weil er ja bereits „a bisserl“ – nämlich 40 Minuten – gewartet habe. Alle lachen. Alle kennen die absurden Situationen mit Telefonoperatoren. „Wenn Sie ein Problem haben, drücken Sie die 3“, zitiert der Kabarettist die Automatenstimme: „Und wenn Sie verarscht werden wollen, drücken Sie die 5.“ Erst sehr viel später nach der Pause erfährt man, was es mit jenem Telefonat auf sich hat. Der Kabarettist wollte seinen Internetanbieter wechseln, was von der Auswahl des passenden Vertragsangebots bis zur Ehefrau, die schließlich die Fritzbox installiert, während sich der Außendienstler auf dem Sofa den Cappuccino schmecken lässt, einer Kommunikationskatastrophe gleichgekommen war. Kommunikation, die ins Stocken gerät, ist das Hauptthema in Bruno Jonas Programm „Meine Rede“. Die erste halbe Stunde wiederholt er vielversprechend, dass es gleich losgehe, während das Rednerpult – angeblich höhenverstellbar je nach Niveau des Redners – lange ungenutzt bereitsteht. Auch die großen Pappbuchstaben, die den Namen „Jonas Bruno“ abbilden, stehen ungenutzt auf der Bühne rum. Etwas abseits ein großes F. „Das ist das heimatlose F“, erklärt der Kabarettist das sprachliche Zeichen und dessen Phonetik. Das F brauche immer ein E als Begleiter. „Sonst ist es nur ein fffff“, flunkert er und mimt Mitleid, dass ihm die buschig grauen Brauen traurig in den Augen hängen. Und dann zählt Bruno Jonas auf, wofür das heimatlose F so alles stünde, für Freude, Freiheit, für Fuck, für Frau – halt für vieles, wenn nicht gar alles, was mit F anfängt. So ist das mit dem sprachlichen Zeichen. Und während der Kabarettist ob dieser semiotischen Selbstverständlichkeit großes Tamtam macht, merkt er beiläufig an, dass heutzutage viele Leute für alles Mögliche Zeichen setzen. Kommt immer gut. Zeichen gegen Rechtsextremismus zum Beispiel. Oder Zeichen für Demokratie. „Das ist okay, weil es schadet ja nicht… also, schadet nicht der Demokratie.“ Bei solcher Pointe klatscht das Publikum nur verhalten. Man hängt dem Gedanken hinterher, dass bei den großen Demos der letzten Wochen vielleicht auch großes Tamtam um eine Selbstverständlichkeit gemacht wurde, nämlich dass wir in der Demokratie leben und leben wollen.

So paart sich bei Bruno Jonas Gesellschaftskritik mit Humor. Er schildert vieles aus dem Blickwinkel eines Biedermanns, der die Welt durchs Fernsehgucken zu Hause wahrnimmt. Dass der Lokführer und Gewerkschafter Claus Weselsky die 35-Stunden-Woche bei der Bahn durchgebracht habe, sei vielversprechend. Jetzt müsse er noch die Null-Stundenwoche für die Außenministerin erzwingen. Letztere nennt Bruno Jonas im vertrauten Wohnzimmerjargon „die Annalena“ und hält ihr vor allem eines zu Gute: „Die sieht toll aus.“ Dass die es den Mullas in Teheran „mal richtig zeigen“ kann, bekommt dabei eine volkstümlich alberne Doppeldeutigkeit. Parteipolitisch gehen die Spitzen in Bruno Jonas Monologen in alle Richtungen. Wie er selbst sinniert, hält er nichts von politischen Zuordnungen nach links oder rechts. „Mir geht’s ums Richtig oder Falsch“, so Jonas und fügt scharfsinnig an: „Schwierig wird es, wenn die Falschen das Richtige sagen.“

Bruno Jonas schaut auf eine lange, erfolgreiche Karriere zurück. In den 1980ern war er Autor bei der Münchner Lach- und Schießgesellschaft, nach dem Millennium ständiger Partner von Kabarettlegende Dieter Hildebrandt in der TV-Sendung „Scheibenwischer“. Manche Gags – das sei nicht verschwiegen – sind Old Style. Wenn es um Gender geht, wirkt Bruno Jonas altbacken. Und wenn er live auf der Bühne sein Comingout als Heterosexueller zelebriert, geht der lautstarke Publikumslacher eher auf Kosten von Schwulen als auf Kosten einer sexuell verklemmten Gesellschaft. Aber sei’s drum. Man kann sich mit Jonas‘ eigener Logik trösten: Manchmal sagen eben auch die Richtigen was Falsches.


 

Lisa Eckhart alias Kaiserin Stasi die Erste

Vorstellung im CCP in Pforzheim am 21.3.2024, am Tag danach in Karlsruhe

Führung durch Humor

Kabarettistin Lisa Eckhart war „Kaiserin Stasi die Erste“ im voll besuchten CongressCentrum Pforzheim

Die Bühne ist schwarz, der Große Saal im voll besuchten CCP abgedunkelt. Das Publikum ist gespannt, da tönt aus den Lautsprechern in schrägen Klangfetzen eine eigenwillige Version von „Here Comes The Sun“ und im hellen Licht hat Lisa Eckhart ihren Auftritt. Mit goldenem Strahlenkranz auf dem Haupt und Reifrockgerippe um die Hüfte spielt die hochgewachsene Frau ihre kongeniale Bühnenfigur „Kaiserin Stasi die Erste“. Das Publikum johlt, als es mit „Liebe Genossinnen und Genossen“ begrüßt wird. Mag die 30-jährige Kabarettistin bei anderen umstritten sein. Wer hierherkommt, weiß, worauf er sich einlässt. Und tatsächlich lässt sich wunderbar lachen, wenn Lisa Eckhart in provokanter Personenkultmischung aus sowjetischem Stalin und österreichischer Sissi als „Kaiserin Stasi“ ihre politischen Allmachtfantasien ausbreitet. Dass sie Ostdeutschland bereits regiere, dass sie dort als Österreicherin gut „ossimiliert“ sei und dass sie die Ostdeutschen aus ihrer Knechtschaft befreit und zurück in die Diktatur geführt habe. Die Zukunftsszenarien sind lustig, weil sie zum einen total überzogen sind. Zum andern aber lacht hier auch ein Pforzheimer westdeutsches Publikum über Ostdeutsche, denen – mehr durch Vorurteil geschürt als durch eigene Erfahrung erlebt – antidemokratische Undankbarkeit zugeschoben wird, weil sie zunehmend nach der starken Hand rufen würden, die endlich durchgreifen sollte. Lisa Eckart weiß um die nach wie vor unterschwellig gärenden deutsch-deutschen Befindlichkeiten. Als „Kaiserin Stasi“ merkt sie auf der Bühne auch an, sie sei jetzt zum ersten Mal „auf Staatsbesuch in Pforzheim“ und betont, dass das ja Westdeutschland sei. Auch das ist im Publikum ein großer Lacher, den die Kabarettistin prompt mit einem erstaunten „Ups“ kommentiert, wie schnell man die Deutschen doch spalten könnte. Mit dieser Spitze sind freilich alle im Saal Anwesenden gemeint und das Versöhnliche an Lisa Eckarts Monologen ist, dass die Stimmung ob solcher humorvollen Vorwürfe niemals kippt. Unterm Strich wird gar nicht auf Kosten der Ostdeutschen gelacht, sondern vielmehr über die eigene Unzulänglichkeit, dass man das eigene Ost-West-Schubladendenken partout nicht loswird.

Solcher Humor, der auf einen selbst zurückfällt, ist nicht jedermanns Sache. Doch wie gesagt: Wer zu Lisa Eckhart kommt, weiß, worauf er sich einlässt. Man lässt sich von ihren Pointen gerne durch sehr absonderliche Gedanken führen. Die sind oft herrlich albern durchsexualisiert. Zur Arbeitsplatzbeschaffung etwa könnten Frauen in der Menopause, mit 40 Grad angefibert, super als rumstehende Heizstrahler eingesetzt werden. Ob solchem Blödsinn brüllt der Saal, ebenso bei dem Gag über die heute so anständige und vernünftige Jugend. Deren Sex nämlich gleiche mehr und mehr dem elektronischen Bezahlen mit Karte: „Reicht hinhalten oder muss ich reinstecken?“

Mit „Kaiserin Stasi die Erste“ hat Lisa Eckhart jetzt ihr fünftes Solo-Bühnenprogramm präsentiert. Sie hat als Poetry-Slamerin angefangen und über die Jahre, unterstützt durch zahlreiche TV-Auftritte, eine ganz eigene Kabarettkunst erschaffen, für die sie mit Auszeichnungen der obersten Liga wie Salzburger Stier oder Deutscher Kabarettpreis geehrt wurde. In Pforzheim bewies sie vor allem souveräne Bühnenpräsenz. Viel spielte Lisa Eckhart, die ihre Texte gut vorbereitet und auswendig gelernt auf die Bühne mitbringt, auch mit kurzen Pausen inmitten von Sätzen, die gewisse Erwartung schüren. Auch dabei ertappt man sich in stereotypen Denkweisen, wenn Phrasen plötzlich eine andere Richtung nehmen. „Ich bin alleinerziehend“ sagt sie und fügt hinzu, dass sie zusätzlich noch ihren Mann am Hals habe. Und die wirklich einzige „Alternative für Deutschland“ sei – Pause und erwartungsvolle Stille im Saal – Österreich! Zu den abwegigen Gedanken von „Kaiserin Stasi“ gehörte im Übrigen auch der Wahnwitz, Putin würde niemals andere diktatorische Länder angreifen. Deshalb könne Deutschland ja, um sich vor Putin zu schützen, einfach diktatorisch werden. Es mag extremistische Spinner geben, die solche Überlegungen für bare Münze nehmen. Auch dieses „Potenzial für Missverständnisse“ hat Lisa Eckhart umstritten gemacht. Die gute Nachricht aber ist, dass derartige Spinner nicht zu Lisa Eckhart ins Kabarett gehen. Sie müssten viel zu viel über sich selber lachen.