Dienstag, 19. September 2023

Transitions – Circuit I

Tanzperformance in der Fleischmarkthalle Karlsruhe, September 2023

Naturskepsis und Zukunftspläne

Karlsruher Tanzregisseur Ben Rentz zeigt in der Fleischmarkthalle „Transitions – Circuit I“

Fels, Wasser und Wald spüren. Kälte, Nässe und das Leben der Bäume an sich heranlassen. An die Haut und an den eigenen Körper, so dass es in Erinnerung bleibt und später im Tanz und in den Körperbewegungen auf der Bühne wieder abgerufen werden kann. So in etwa funktionierte die Probenarbeit für das neue szenische Tanzstück „Transitions – Circuit I“, das Ben Rentz – 22-jähriger Performer, Darsteller und Regisseur aus Karlsruhe – mit neun Tänzerinnen und Tänzern aktuell geschaffen hat. Die Gruppe begab sich eigens für die Probenvorarbeit vier Workshoptage lang ins Murgtal in ein Pfadfinderheim. Als Jugendlicher war Ben Rentz – was man bei dem jungen Mann wegen seiner gepflegten, stilvollen Erscheinung gar nicht vermutet – selbst Pfadfinder und viel draußen unterwegs. Und so manche Naturerlebnisse von früher sieht er heute, inmitten des Klimawandels, in neuem Licht. „Mir ist in Bezug auf Natur und ihre Bedrohung für uns vieles bewusster geworden“, sagt Ben Rentz: „Ich denke, dass das gerade grundlegende Erfahrungen in meiner Generation sind.“ Auch mit einem Fragebogen und vielen Gesprächen hat sich die Gruppe um Ben Rentz dem Thema genähert. Ob die Welt angesichts des globalen Treibhauseffekts noch zu retten ist? In der Tanzgruppe gibt es dazu verschiedene Ansichten. Optimismus und Pessimismus halten sich die Waage. Und genau das soll auch das Tanzstück ausdrücken, das kommenden Montag in der alten Fleischmarkthalle auf dem Areal des ehemaligen Karlsruher Schlachthofs uraufgeführt wird. Der Spielort passt merkwürdig gut zu Rentz‘ künstlerischem Vorhaben, steht er doch symbolisch für den pervertierten, klimaschädlichen Fleischkonsum, der insbesondere vielen jungen Menschen nicht mehr geheuer ist. In der Tanzgruppe würden alle eigentlich vegetarisch oder vegan leben, überlegt Ben Rentz auf Nachfrage. Nur einer isst wohl auch mal gern Muscheln und Fisch...

Ben Rentz ist aufstrebender Jungstar der Karlsruher Kulturszene. Zusammen mit der Dramaturgin Yoreme Waltz hat er 2021 ein Produktionsbüro für Darstellende Künste gegründet und ein Kollektiv junger Erwachsener zusammengeschart, das im vergangenen Herbst im Kulturzentrum Tollhaus die erfolgreiche Tanzproduktion „Ruminate“ auf die Beine gestellt hatte. Es gab ausverkauftes Haus und begeistertes Publikum in vier Vorstellungen. „Das machte auch über Karlsruhes Grenzen hinaus von sich reden“, sagt Yoreme Waltz. Also bewarb man sich für das „Tanztreffen der Jugend“ der Berliner Festspiele und bald darauf ließ sich wahrhaftig eine Jury eine extra Vorstellung – abgespeckt, ohne Bühnenbild und ohne die beeindruckenden großen vier Windmaschinen – zeigen. Anschließend gab es noch ein Gespräch und tatsächlich: Von 46 Bewerbungen suchte die Jury 10 aus und eine davon ist die Produktion „Ruminate“, die nun am 25. September im Haus der Berliner Festspiele gezeigt wird. Diesmal mit allem was dazu gehört, auch mit den Windmaschinen.
 
Der bühnentechnische Aufwand für das jetzige Tanzstück ist da vergleichsweise gering. Stattdessen aber hat sich das Tanzkollektiv vergrößert und es gibt „mehr Choreographie“ und mehr Berührungen der Tanzenden untereinander. Zudem ist Live-Musik dabei. Das Publikum wird in der Fleischmarkthalle keine zugewiesenen Sitzplätze haben, sondern wird sich frei bewegen können. Das ist neu am Regiekonzept, an dem Ben Rentz schon arbeitete, als das vorherige Stück noch gar nicht Premiere hatte. Alles im künstlerischen Werdegang läuft gerade bei ihm dicht und produktiv. Mit den Ideen des Konzepts nämlich bewarb sich Rentz auch für sein Studium der „Szenischen Künste“ an der Uni Hildesheim, das er nun ab kommendem Semester antreten wird. Für die freie Tanzszene – nicht nur in der Region – ist Ben Rentz ein Hoffnungsträger. In Karlsruhe fehlt es unabhängigen Ensembles oft an guten Proberäumen, wo sie ihre Produktionen einstudieren können. Auch sind Arbeitsorganisation und Kulturmarketing für die freie Tanzszene eine große Herausforderung. Um sich hierfür zu wappnen, hat Ben Rentz dieses Jahr eine Weiterbildung absolviert bei der „Academy for Performing Arts Producer“, die der 2015 gegründete Verein „Bündnis internationaler Produktionshäuser“ ins Leben gerufen hat. Ben war dort mit Abstand jüngster Teilnehmer. Das Knowhow mitzunehmen, war ihm wichtig. „Irgendwie soll es zukünftig neben meinem Studium ja auch mit dem Tanzkollektiv hier weitergehen“, sagt Ben Rentz. An Zukunftsplänen fehlt es ihm nicht. Aber eins nach dem andern. Am Montag ist erstmal Premiere.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen