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| Vorstellung im Jazzclub Karlsruhe, November 2025 |
Hommage an Pionierin der Bühnenillusion
20 Jahre Karlsruher Schlosskonzerte feiern „Für Loïe!“ im Jazzclub
Ein weißes Tuch windet sich in Spiralen. Farbiges Licht fließt durch den transparenten Stoff. Solche Bilder der multimedialen Hommage „Für Loïe!“ im Karlsruher Jazzclub ließen ahnen, worum es der US-amerikanischen Tänzerin Loïe Fuller ging: um Bewegung, Licht und Illusion. Die heute in Vergessenheit geratene Loïe Fuller (1862–1928) war Pionierin des modernen Tanzes und Erfinderin bunter Lichtregie. Die Karlsruher Schlosskonzerte, die dieses Jahr 20-jähriges Bestehen feiern, widmeten ihr am Samstag eine kluge, sinnliche Revue.
Weil das Karlsruher Schloss wegen Sanierung bis auf weiteres geschlossen ist, zog das Ensemble kurzerhand in den Jazzclub um, der bis auf den letzten Platz gefüllt war. Einige Besucher mussten enttäuscht weggeschickt werden. Der Eintritt war – wie es bei den Karlsruher Schlosskonzerten seit Anbeginn Tradition ist – frei. Einnahmen kommen von Kulturförderzuschüssen und Sponsoren. Im günstigen Fall läuft es kostendeckend. Reich wird dabei niemand. „Wir machen das trotzdem“, sagte Sängerin und Produktionsleiterin Malika Reyad zur Begrüßung, „ansonsten würden wir alle unglücklich sterben.“ Das Ganze hat den Charme von uneigennützigem Aufopfern für die Kunst. Und genau das hat auch Loïe Fuller umgetrieben. Insofern passte alles.
Autor Boris von Poser hat Fullers Lebensgeschichte in prägnante, chronologisch geordnete Texte gegossen. „Wessen Baby ist das?“ rufen die fünf Darstellerinnen empört mit dem Hinweis, dass ein Kleinkind in einem Tanzpalast nichts verloren habe. Tatsächlich ist biografisch überliefert, dass die am Theater beschäftigten Eltern ihre Tochter mit zu Proben nahmen, so dass Fuller bereits als Baby „ihren ersten Auftritt“ hatte. Gesprochen wird abwechselnd, meist aus Fullers Ich-Perspektive. Etwa, dass sie mit 19 Jahren in den Western-Shows bei Buffalo Bill mitmachte, ein Riesenerfolg, weshalb unter Klavierbegleitung von Aglaia Bätzner die vier anderen anfangen zu singen: „There’s no Business Like Showbusiness“ von Irving Berlin. Die ausgewählten Musiktitel stammten weitgehend alle von Komponistinnen der Zeit von Loïe Fuller. So erklingt etwa, wenn die der weiße Stoff – „die Grundlage für meinen größten Erfolg“ – langsam und magisch aus einem Karton herausgezogen wird, die „Apsara Music“, für drei Frauenstimmen von Janet Beat. Das ist gesanglich sehr schön und trifft, weil die Musik in Richtung Experimentelles geht, genau den Nerv der Loïe Fuller. Das Konzept hält die weibliche Perspektive sehr konsequent und gekonnt durch und alle sind gesanglich und schauspielerisch überzeugend. Charlotte Bell tritt im Cabaret-Frack auf, Sigrund Bornträger mit burschikoser Kurzhaarfrisur. Isabell Schmitt und Malika Reyad funkeln stimmlich wunderschön mit dem Duo d‘Étoiles von Cécile Chaminade, wenn sie besingen, dass die Nacht ganz blau sei.
Einen Aspekt hat die Hommage besonders hervorgehoben: Loïe Fuller machte Bühnenperformances mit leuchtendem Radium. Sie besuchte die Weltausstellung 1889 in Paris, wo sie von dem neu entdeckten Element erfahren hatte. Sie traf auch Thomas Edison und Marie Curie. In der Hommage wurden deshalb spätere Szenen mit Schwarzlicht beleuchtet. Alles Weiße wie Zähne und Augäpfel leuchteten schrill, ebenso die weißen Stangen, mit denen in den schwarzen Raum Bewegungslinien gezeichnet wurden. Hierzu lieferte Slobodan Jovanović eine Auftragskomposition für 3 Frauenstimmen und Klavier mit dem Titel „Radium“. Sie wurde mit einer weiteren Komposition am Abend uraufgeführt. Unter anderem ging es da mit Clusterklängen und stimmlich behutsamem Vorantasten um die Faszination rund ums radioaktive Element, mit dem zu Fullers Zeiten noch ganz unbedacht umgegangen wurde.
Loïe Fuller lebte offen mit ihrer Lebenspartnerin, Gab Sorère, der sie auch alle Patente auf ihre Innovationen vermachte. Schön hat die Hommage herausgearbeitet, dass die Partnerschaft auch Zweifel begleitete: Gilt die Liebe Gabs der Person Loïe? Oder galt sie der Illusion, die Loïe in ihren Vorstellung lieferte und die Gab bewunderte? Mit solchen Fragen hat die Hommage den Blick sehr spannend über rein biografische Fakten hinaus geweitet. Das Publikum dankte mit langem, begeistertem Applaus. Ein schöneres Geschenk hätten sich die Karlsruher Schlosskonzerte zu ihrem 20. Jubiläum kaum machen können. Und Loïe Fuller wohl auch nicht.
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