Sonntag, 11. Oktober 2026

Kaiserstraße 123

Geburtshaus von Geograph Friedrich Ratzel, Oktober 2026

Lebensmittelgeschäft in der Kaiserstraße 123. Obst liegt in den Kisten der Auslagen, zwei Einkaufswagen stehen bereit, eine Passantin geht vorbei. Sie hat telefoniert. Ich habe sie skizziert. Klar, musste schnell gehen. Sieht im Ergebnis jetzt eher aus, als ob sie was trinken würde. Auch okay! Ob die Passantin telefoniert oder etwas trinkt, aus einer Dose oder einem Becher, ist jetzt anhand der Zeichnung nicht mehr festzustellen. Wenn mich irgendwann meine Erinnerung verlässt, wird später niemand mehr wissen, ob diese Passantin damals telefonierte oder etwas trank. Deshlab ist es ganz gut, dass ich jetzt dazu einen erklärenden Text liefere. Wobei: Ist jetzt auch nicht so wichtig, ob die Frau telefoniert hat oder ob sie was getrunken hat. Kurzum: Dokumentarischen Ansprüchen genügt die Zeichnung nicht. Ist nicht so super, aber auch okay! Weil: Welchen Sinn hat es, dokumentarisch festzuhalten, dass eine Passantin am 30. September 2026 um - Uhrzeit unbekannt - telefoniert oder was getrunken hat? Wenig Sinn, keinen Sinn. Das leitet mich zu weiteren Fragen an: Wer sind wir? Wo wollen wir hin? Und wenn wir ankommen, wo sind wir dann? Lässt sich das per GPS bestimmen? Bleibt noch zu sagen, dass die Kaiserstraße 123 das Geburtshaus von Geograph Friedrich Ratzel ist. 1844 - Achtung, schöne Formulierung - erblickte er dort das Licht der Welt. 

Montag, 28. September 2026

Ettlinger Straße

Blick vom Grünstreifen in Richtung Westen, September 2026

 

Kaiserstraße 86

 

Fahrradständer vor dem Vorwerk-Staubsauger-Geschäft, September 2026

Donnerstag, 17. September 2026

Kapellenstraße 47

Großes neues Wohnhaus an der Kreuzung Ludwig-Erhard-Allee, September 2026

 

Samstag, 12. September 2026

Females

Gesketcht im Kunstmuseum Karlsruhe: Tuschezeichnungen von Marlene Dumas, September 2026

Zwischen Identität und Anonymität

Für ihre Tuschezeichnungen „Females“ hat Marlene Dumas nass in nass gearbeitet. Dadurch laufen die Linien ineinander, verschwimmen und lassen die Frauengesichter zugleich deutlich und schemenhaft erscheinen. Genau dieser Zwischenzustand macht den Reiz der Zeichnungen aus: Die Gesichter scheinen individuelle Identitäten zu tragen und bleiben doch anonym.

Beim Abzeichnen mit Bleistift habe ich versucht, diese eigentümliche Spannung aus klarer Kontur und verschwimmender Form aufzunehmen. Der Bleistift kann die fließende Qualität der nassen Tusche nicht ganz nachahmen. Aber vielleicht kommt er dem tastenden, offenen Charakter der Gesichter gerade dadurch näher.

Hell komplett

Bleistiftskizze nach dem linken Bildteil von Marlene Dumas Gemälde "Hell", September 2026 

Was der Bleistift nicht kann

Der Bleistift kann nicht, was die Malerei kann. Er kann keine Farbschichten übereinanderlegen, Farbe nicht dick oder hauchdünn auftragen, keine Erhebung stehen lassen und keinen Grat aus Farbe bilden. All das aber nutzt Marlene Dumas in ihrem Gemälde „Hell (The People of the Artworld in Monets Lake of the Searoses)“ und genau deshalb war es reizvoll, das Gemälde mit Bleistift abzuzeichnen: Malerei, die sich in Linien und Schraffur neu zusammensetzen muss. 

Marlene Dumas, 1953 in Kapstadt geboren und seit 1977 in Amsterdam lebend, zählt zu den renommiertesten Künstlerinnen der Gegenwart. „Hell“ lebt von intensiven Blau-, Grün- und Rosatönen. Eine Menschengruppe beherrscht das Bild: reglos steht sie in einem dunklen Gewässer und blickt den Betrachter frontal an. Schon der Titel verrät das eigentümliche Spiel mit der Kunstgeschichte: „The People of the Artworld in Monets Lake of the Searoses“, also die Menschen der Kunstwelt in Claude Monets Seerosenteich.

Als Vorlage diente Dumas ein Teamfoto des Stedelijk Museum Amsterdam. Drei Jahre arbeitete sie an dem Gemälde, bis es 1990 vollendet war. Anschließend wurde es vom Kölner Sammlerehepaar Ute und Eberhard Garnatz gekauft und hing fortan in dessen Wohnung. Karlsruhe hat es "derzeit" als Dauerleihgabe, was natürlich großartig ist. Danke!!

Meine Zeichnung kann von dieser Farbigkeit und der pastosen Oberfläche nichts wiedergeben. Sie versucht etwas anderes: die Formen, die Gesichter, die Körper aus dem Gemälde herauszulösen und mit einem einzigen Material festzuhalten. Was bei Dumas aus Farbe, Schichten und Graten entsteht, wird auf dem Papier zu Linie, Fläche und vor allem viel schrummelige Schraffur. Ein Bild über die Kunstwelt wird so selbst zum Gegenstand einer kleinen Zeichenübung.

Und hier jetzt die zusammengesetzte Zeichnung aus linker und rechter Bildhälfte des Gemäldes: 


 

Im Café Bitte lächeln

Ettlinger Straße Ecke Schützenstraße, September 2026
 
Diese Zeichnung entstand bei einem Milchkaffee im Café „Bitte lächeln“. Der Blick geht hinüber zum Döner-Imbiss. Menschen sitzen davor, ganz links die Verkehrsschilder, darunter das Einbahnstraßenschild der Schützenstraße. Dazwischen nimmt der große Sonnenschirm ordentlich Raum ein. Ganz rechts der Pfeiler vom Bitte-lächeln-Haus. 

Der Schirm mit den Falten des Stoffes war beim Zeichnen eine kleine Herausforderung. Viel Zeit bleibt beim schnellen Skizzieren nicht, um lange darüber nachzudenken. Also Strich für Strich, so wie es gerade vor Augen liegt. Am Ende ist auf dem Papier ein Mini-Ausschnitt aus dem Karlsruher Straßenleben geblieben.