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Sonntag, 2. Februar 2025

Platanenschützer Daniel

Baumbesetzer Daniel am Sonntag Nachmittag, Februar 2025
 

Sie haben sich bereits im Sommer 2023 engagiert und gegen die Fällung der Platanen in der Karlsruher Innenstadt protestiert. Jetzt, wo die großen und ein halbes Jahrhundert gewachsenen Bäume am Staatstheater gefällt werden sollen, haben sie sich wieder zum Protest zusammengefunden. Sie wollen ein Zeichen gegen die anhaltende Rodung von Stadtbäumen in Karlsruhe setzen. Das Badische Staatstheater bekommt im Zuge der Sanierung auch mehrere Anbauten, unter anderem neue Proberäume für die Staatskapelle. Für diesen Neubau müssen die Platanen an der Meidingerstraße gefällt werden. Ich habe einen der Aktivisten, Daniel, gezeichnet, als gerade das sonntägliche Sinfoniekonzert zu Ende war. Drinnen war Mahlers Sechste gespielt worden, während draußen die jungen Männer ihre Seile, Karabiner und Versorgungseimer in den Bäumen sicherten. Was ich nicht gezeichnet habe: Mitglieder der Staatskapelle, die nach dem Konzert mit Instrument auf dem Rücken den Ort des Geschehens passierten und Publikum, das nach Hause ging. 

Freitag, 13. Oktober 2023

Leona Berlin

Konzert im neuen JazzClub Karlsruhe, Oktober 2023

 Groove mit Stimme und Loops

Der Spielbetrieb im neu eröffneten Jazzclub Karlsruhe hat mit dem Konzert von Leona Berlin am Mittwoch gut an Fahrt gewonnen. Die kreative Jazzsängerin und ihre Band mixen Soul und Hiphop zu atmosphärischem R’n’B. Das kam in der gut besuchten neuen Location bestens an.

Zum Konzertanfang kam Leona Berlin erstmal allein auf die Bühne. Ohne Band. Kaffeebecher und Wasserflasche stellt sie beiseite, haucht vorsichtig ins Mikro und schnalzt behutsam mit der Zunge. Das hörte sich zunächst wie ein Soundcheck an, war tatsächlich aber der Start ins musikalische Programm. Hauchen und Schnalzen nämlich speicherte die einfallsreiche Sängerin mit dem flotten Pferdeschwanz via Knopfdruck in ihren Rechner und ließ den Sound per Loop rhythmisieren und wiedergeben, um sogleich darüber mit ihrem schönen Jazzsopran zu singen. Das klingt cool, hat Groove und ist angenehm am Ohr. Und es demonstriert ganz nebenbei, wie versöhnlich all die digitalen Möglichkeiten eines Computers mit der menschlichen Stimme harmonieren. Das in etwa ist auch das künstlerische Konzept der Musik von Leona Berlin, die im Zusammenspiel mit ihrer Band einen atmosphärischen R’n’B entwickelt hat.

Unterm Strich geht es darum, wie gut vorprogrammierte Patterns und freies Musizieren zusammenpassen. In Songs wie „Feminist Energy“ zum Beispiel ist alles in verlässlich feste Drum-Beats eingebettet, die Schlagzeuger Magro aber mit rauschenden Fill-Ins der Becken anzureichern versteht. Keyboarder Martin Lüdicke gibt die Harmonien für die Klangkulisse als Ganzes und Bassist Francesco Beccaro am E-Bass stützt gut und gern mit bewegten und immer treffsicheren Tiefen. Leitend von allem ist dabei Leonas Gesang, der mal erzählend rappt – immer auf englisch – oder mal melodisch auf Klangsilben „uh“ und „ah“ improvisiert – natürlich cool und mit Groove. Die Stimme ist dabei oft mit Effekten wie Hall und Echo oder mit Background-Voices versehen, im Timing perfekt, schließlich läuft hinter allem zumeist eine Songdatei aus dem Rechner mit.

Beim Konzert am Mittwoch Abend im neuen Jazzclub Karlsruhe – im ehemaligen Kino „Kurbel“ am Passagenhof – ließ sich das stimmige Musizieren bestens beobachten, insbesondere vom vorderen freibestuhlten Bereich aus, wo man an Rundtischen sitzt. Hinten auf der ansteigenden Publikumstribüne mit den Kinosesseln ist hingegen der Gesamtsound etwas besser, weil fülliger. Die neue Location ist großartig geworden! Seit der Eröffnung Ende September ist beim Jazzclub der reguläre Spielbetrieb angelaufen. Es sollen hier zukünftig keineswegs „nur“ klassischer Jazz und Sessions auf dem Programm stehen. Der Auftritt von Leona Berlin demonstrierte das eindrücklich.

Die in Karlsruhe geborene Künstlerin, die tatsächlich mit bürgerlichem Nachnamen Berlin heißt, studierte in Mainz Jazz und Pop an der Musikhochschule und ging dann nach Berlin, wo sie 2018 ihr erstes Album bei Warner Music herausbrachte. Das zweite Album „Change“ erschien 2021 und schaffte es in die Bestenliste des „Preises der deutschen Schallplattenkritik“. Diesen Sommer trat Leona Berlin als Gast des Jazzclubs auf der Hauptbühne beim Karlsruher Musikfestival „Das Fest“ auf. Da gab es tollen Rap mit gut tanzbaren Songs beim großen Open-Air. Der Jazzclub wollte sie aber jetzt nochmals im kleineren Rahmen präsentieren. Das Publikum nahm das dankbar an. Denn in den Liedern wie „Who you are“ oder „The Thorn“ geht es letzten Endes auch um Intimes und Menschliches. Da lohnt es sich, auch mal genauer hinzuhören, und das funktioniert im Saal des Jazzclub prima.

Montag, 23. Januar 2023

Giora Feidman & Friends II

Ev. Stadtkirche Karlsruhe: Konzert ausverkauft! Januar 2023

Als er 11 war, musizierte der in Buenos Aires geborene Feidman zum ersten Mal vor der Schulklasse. Deshalb feiert er auf seiner momentanen Tour auch sein 75-jähriges Bühnenjubiläum. Feidman ist eine Legende: Als 18-Jähriger gab er in Südamerika Konzerte, wanderte 1957 nach Israel aus, wo er in Tel Aviv bei den Philharmonikern Orchestermitglied wurde. Das gab er auf, als er 1970 in New York seine Solo-Karriere startete, und zwar mit Klezmer-Musik, die ihn von Kindheit an begleitete. Die hebräische Bedeutung von „Klezmer“ als „Gefäß“ nahm er beim Wort. Feidmans Musik bringt ein hochspannendes Sammelsurium aus jiddischer Folklore, aus Musik der Sinti und Roma, aus Tango, Jazz und natürlich jeder Menge Klassik zusammen. So auch auf seinem 2022 erschienenen Album „Friendship“, von dem er beim Karlsruher Konzert viele Titel präsentierte. Mit dem Gebet „Personal Prayer“ für Solo-Klarinette ging es los. Von tief unten heben sich die Töne in die Höhe, geben in traurigem Moll mit Vorschlägen und Kurztrillern das für den Klezmer typische Schluchzen von sich, um dann in eine zuversichtliche Melodie zu münden. Feidman konzertiert im Sitzen, bläst immer leicht vorgebeugt und etwas eingefallen. Doch so gealtert der Musiker auch sein, so rein und jugendlich klingt sein Spiel. Und mehr noch. Die neuen Stücke sind echte Innovationen, klug arrangiert mit wunderschönen Passagen auch fürs Cello (German Prentki) und die Geige (Piotr Niewiadomski). Zum Einsatz kam am Konzertabend auch ein völlig neuartiges Instrument, ein Cembalo, dessen Tasten mittels Sensorkontakten gesampelte Klangfarben abrufen können. Sergej Techerepanov zauberte damit mal eine schwungvolle Akkordeon-, mal eine innige Vibraphonbegleitung auf die Bühne. Das Ensemble musizierte auf Spitzenniveau, vor allem in der Intonation ganz rein. Das ließ so manche Zuhörer an lyrischen Stellen die Augen schließen. Bei den schwungvollen Liedern, die von Strophe zu Strophe an Fahrt und Tempo aufnehmen, wippten viele Füße im Takt mit. Und bei „Hallelujah“ und „Donna Donna“ wurde mitgesungen – etwas, was Feidman mit zufriedenem Lachen glücklich stimmte. Seine Friedensbotschaft schien angekommen zu sein.

Giora Feidman & Friends I

Konzert in der Ev. Stadtkirche Karlsruhe, Januar 2023
 
Friedensbotschaft mit Klarinette

Der 86-jährige Giora Feidman „macht seinen Job“ und begeistert sein Publikum

Mit Mantel und Baskenmütze tritt Giora Feidman auf die Bühne. „Es ist kalt“, entschuldigt er sich für seinen Dress und durch die Bankreihen der an diesem Donnerstag Abend voll besuchten Karlsruher Stadtkirche wird wohlwollend gekichert. Wegen der Energiekrise bleibt die Kirche kühl. Doch für ein Konzert mit Giora Feidman nimmt man das in Kauf. Der 86-jährige setzt sich, langsam und ruhig. Er nimmt ein Mikrofon in die Hand und spricht, noch bevor der erste Ton gespielt ist, ein paar Worte, Dass das mit dem Krieg alles unmöglich zu verstehen ist. Dass wir doch alle Menschen und „one familiy“ sind. Feidman spricht Englisch mit starkem Akzent und es hallt im großen Kirchenraum. Man versteht ihn akustisch schlecht. Dennoch hängen die Leute an seinen Lippen, nicken und applaudieren. Was Giora Feidman zu sagen hat, scheint ohnehin klar: Musik ist die Sprache, die alle verstehen. Und das bringt Menschen zusammen. So einfach diese Botschaft, so oft wiederholt Giora Feidman sie auch mehrmals im Presseinterview vor dem Konzert. „Gott hat mir diesen Job gegeben“, sagt er: „Deshalb spiele ich für die Menschen, egal wie alt ich bin.“

Samstag, 10. September 2022

David Tollmann

Beim Fest der Südlichen Waldstraße, September 2022